Das neue Jahr ist nur wenige Tage alt. Die Stimmung ist nachdenklich.
2011 kommt bei all diesen Gedanken nicht besonders gut weg. Um nicht zu sagen: es landet ganz unten im Klassement meiner Lebensjahre. Es hat mir viele Arten von Stress aufgezeigt, von denen ich die meisten als ziemlich nervige und anhängliche Zeitgenossen identifizieren musste. Manchen habe ich gar den Stempel "verletzend und gesundheitsschädlich" verpassen dürfen*. Und es sind genau diese, die mir in diesem Moment wieder einmal bewusst machen, wie schwierig und langwierig es ist, ihnen zu entkommen. Ich warte nämlich (wieder einmal) auf die Ergebnisse des medizinischen Labors, da ich mir einbilde, irgendetwas in meinem Körper sei nicht in Ordnung. Dabei geht es mir offensichtlich ziemlich gut, was mir der Arzt bereits mehrmals versichert hat.
Wie dem auch sei, ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Dabei hatte ich gerade angefangen, mich hier rundum wohl zu fühlen. Den letzten Monat verbrachte ich dermaßen gesund, dass ich sogar einen guten Vorsatz für 2012 vorzog und eine kleine Gymnastikrunde pro Tag einlegte. (Und das immerhin um fünf Uhr in der Früh! Ja, ich war schon ein wenig stolz auf mich…) Auch mein Leben in Saponé wurde inzwischen zu einer Art befriedigender Normalität. Ich bekam so langsam den Kontakt zu mehr und mehr Leuten und fühlte mich auch nicht mehr so "fehl am Platze" wie am Anfang. Zugegebenermaßen ist es wahrscheinlich unmöglich, als Deutsche hier genau das gleiche Leben zu führen wie eine Burkinabè, aber dennoch begann ich, mich ein ganzes Stück gewöhnlicher zu fühlen als noch bei meiner Ankunft.
Überhaupt hat sich meine Wahrnehmung stark verändert. Alle Sachen, die mir am Anfang noch unmöglich vorkamen (und zwar in zweierlei Bedeutung des Wortes "unmöglich", also sowohl die "unerhörten" als auch die wirklich nicht möglich scheinenden Dinge), sind inzwischen zu einer Normalität der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Fand ich am Anfang noch, dass man hier nichts bekäme, so sehe ich inzwischen in jedem Stand und jeder Hütte ein kleines Restaurant oder einen kleinen Laden, der aus den Untiefen seiner Hinterhöfe oder Wandregale so manches unmöglich geglaubte hervorzaubern kann. Auch diejenigen Sachen, die mir am Anfang ganz furchtbar und dringend änderungsbedürftig vorkamen (in der wohl klassischen Sicht einer Europäerin auf ein Land des globalen Südens), sehe ich inzwischen nicht mehr als Probleme. Warum auch? Nur weil es nicht so ist, wie bei uns?
Hungern ist nicht gleich verhungern. Einfach bedeutet nicht unzureichend. Langsam heißt nicht rückschrittlich. Und Afrika heute ist schon gar nicht Europa vor x Jahren. Ich könnte diese Reihe weiter fortsetzen, könnte auch gegenteilige Aspekte nennen (Fehlende Bildung halte ich bspw. wirklich für ein großes Problem.), könnte Dinge nennen, die hier besser laufen (In einem Land, in dem viele Dinge schwer zu bekommen sind, findet nahezu alles auf grandios kreativem Wege ein zweites Leben!), doch die Liste wäre ziemlich lang. Das erspare ich euch an dieser Stelle und ich begnüge mich damit, festzustellen, dass, wenn Afrika tatsächlich ein Problem hat, es (zumindest in Burkina Faso, für den Rest kann ich nicht sprechen) nicht das Problem ist, welches ich von "Armut" bisher im Kopf hatte.
Möglicherweise ist es schlicht und einfach die einnehmende Überheblichkeit europäischen Gedankenguts?
So wird meine Weltsicht hier tageweise auf den Kopf gestellt, ich bin zwischen den Welten. Tageweise bin ich ein bisschen Burkinabè, sitze mit einem Tuch um den Hüften stundenlang bei meiner "Mama", die mir kunstvoll die Haare flechtet oder rupfe Hühner, die bis vor kurzem noch gackernd auf unserer Terrasse saßen. Tageweise benehme ich mich ganz wie zu Hause. Das ist hier toleriert und wird irgendwie auch von vielen Burkinabè angestrebt. Diese Tage tun mir ab und zu richtig gut, aber tun sie auch Burkina Faso gut? - Mit dieser Frage und all den kleinen und großen Zweifeln, die sich so zahlreich darin verstecken, stelle ich fest, dass 2011 mich unglaublich viel weiter gebracht hat. Es war kein leichtes Jahr, doch ich habe sehr, sehr viel gelernt. Und so blicke ich mit großer Geduld und Zuversicht dem entgegen, was 2012 für mich bereit hält.
Euch allen sende ich an dieser Stelle meine herzlichsten nachträglichen Weihnachtsgrüße sowie alles Gute für das Jahr 2012! Vielleicht kann euch ja in diesem Jahr der eine oder andere meiner Gedanken irgendwie erreichen… Lasst mich doch gerne auch an euren Gedanken teilhaben! Die Internetverbindung lässt nicht sonderlich oft eine Antwort zu, aber ich freue mich wirklich sehr darüber. A propos, an dieser Stelle einen riesigen Dank für die Grüße, die ich erhalten habe!
* Es gab daher nur einen Ausweg: die Flucht. Und zwar weg, weit weg. Ein Dorf bei Ouagadougou in Burkina Faso: das klang nach dem Ende der Welt. Dort würden sie mich sicher nicht finden.
P.S. Ich habe inzwischen die Resultate vom Labor erhalten. Ich bin schlicht und einfach kerngesund. Um mich nicht ganz als Hypochonder dastehen zu lassen, versuchte sich der Arzt sympathischerweise noch mitleidig an der Diagnose: "Vielleicht vertragen Sie das Klima nicht so gut…".
Soso,meine Schwester schreibt ja ganz schön viel, wenn sie denn mal schreibt. Das freut Mutti und Bapo bestimmt :D
AntwortenLöschenIch wünsche dir auch ein frohes neues Jahr, aus dem Norden Australiens(Darwin). Klimatechnisch befinden wir uns jetzt sicher in sehr ähnlichen Gebieten, wobei es bei mir wahrscheinlich noch mehr Klimaanlagen gibt :)
In meiner All-time Blogbesucherstatistik befinden sich deine Aufrufe aus Burkina Faso übrigens auf Platz 5, knapp hinter Amerika und Russland (auch wenn ich nicht weiß wer da meinen Blog liest). Ich weiß das interessiert dich so viel wie wenn ein Elefant neben deinem Dorf pupst (habt ihr elefanten? können die überhaupt pupsen?) aber es darf ja hier nicht so aussehen als ob ich nur einen alibi beitrag schreibe weil wir seit bestimmt 3 monaten nicht kommuniziert haben :D
ich hab übrigens simon in brisbane getroffen und mit ihm ein paar bierchen getroffen, war ganz lustig, allerdings musste ich vorher noch den verwunderten ecki anrufen um an simons nummer zu kommen.
naja ich muss jetzt mal los, auf einen drink mit nen paar andern backpackern
viel spaß noch und bau mal ein paar sandburgen ;)
Hallo liebe Patricia ich bin froh das du dich schon so integriert hast und bewundere dich immer noch sehr!Pass immer schön auf dich auf und ich werd mich mal schriftlich melden!Noch alles Gute fürs neue Jahr bis bald
AntwortenLöschenlg bastian und daniela