2013-08-03

Fast.


Fast ein Jahr ist seit meiner Rückkehr schon vergangen. Und fast wäre es auch mit der versprochenen Bilanz nichts mehr geworden. Wäre ich nicht in Afrika gewesen, wäre es mir wahrscheinlich peinlich gewesen, etwas so lang Versäumtes wie diesen Eintrag nachzuholen. Doch in Burkina Faso habe ich gelernt, dass langsam nicht immer schlecht ist. Dass die meisten Dinge Zeit brauchen, um zu reifen.

Es ist mir sehr schwer gefallen, mit den Erlebnissen meines Jahres in Afrika umzugehen. Sie waren für mich so voller Emotionen und offener Fragen, dass ich sie innerlich in eine große Truhe gepackt und verschlossen habe. Ich war nicht in der Lage, mich ihnen zu stellen und gleichzeitig hier wieder in mein deutsches Leben zu finden. Ich musste sie loswerden, um Luft zum Atmen zu bekommen.

Nun ist es jedoch an der Zeit, die Truhe zu öffnen. Ich habe in den letzten Wochen meine Fotos sortiert und ein Fotoalbum über mein FSJ erstellt. Dabei habe ich viele Situationen noch einmal durchlebt. Gerüche, Stimmen, Geräusche, Gefühle - plötzlich war alles wieder da. Ich wäre am liebsten gleich in den Flieger gestiegen. Burkina Faso fehlt mir so. Ich habe das Land und vor allem die Menschen wirklich lieben gelernt - trotz und auch wegen allem, was ich dort durchlebt habe.

In besonders guter Erinnerung geblieben ist mir das Miteinander. Die Menschen verbringen viel mehr Zeit gemeinsam. Man sitzt, unterhält sich, trinkt Tee und isst - gemeinsam. Man verbringt viel mehr Zeit auf diese Weise als bei uns. Wir schließen uns lieber ein, wollen nicht gestört sein, möchten nur angekündigten Besuch. Das ist dort anders. Man freut sich über Besuch, auch über unpassenden.
Man lebt miteinander und teilt miteinander. Ich war zugegebenermaßen erst einmal irritiert, als ich das Essen, das eigentlich nur für zwei Personen gereicht hätte, plötzlich mit drei weiteren Leuten teilen sollte, die gerade zufällig vorbeikamen. Oder als mein Laptop plötzlich verschwunden war ("Eh...ja, den hat der Freund eines Freundes mitgenommen.").  Oder aber als ich eben diesen verliehenen Laptop schmutzig zurück bekam. Er wurde benutzt, als wäre es der eigene gewesen - ganz selbstverständlich. Mit etwas Überlegung kann ich dieses Teilen jedoch richtig gut finden. Und auch wenn diese Lebensweise sicherlich nicht zuletzt der wenigen Arbeit und der vielen Armut im Land geschuldet ist, bin ich überzeugt davon, dass ein bisschen mehr von ihr auch unsere Lebensqualität verbessern könnte. Weniger Arbeiten - mehr Miteinander!

Doch ich habe nicht nur gute Erinnerungen. Auch ein ganz bitteres Erlebnis fiel mir wieder ein. Gegen Ende meins Aufenthaltes fuhr ich mit meinem Freund in dessen Heimat. Wir besuchten die Familie und einige Bekannte. Dazu gehörte auch eine Frau, deren Mann in seinem Kiosk, der eines Nachts Feuer gefangen hatte, verbrannt war. Sie musste sich nun alleine mit der Großmutter und ihren sechs Kindern durchschlagen. Dies war besonders schwierig, da sich das Geld der Familie in dem Kiosk befunden hatte und der Frau nur noch die 3 Euro verblieben waren, die sie an jenem Tag bei sich getragen hatte. Bei unserem Besuch fiel meinem Freund auf, dass die beiden jüngsten Kinder (beide noch ganz klein) gar nicht zu Hause waren. Auf seine Frage hin erfuhren wir, dass sie verhungert waren.

Dies ruft mir unweigerlich in Erinnerung, was ich so unbedingt verdrängen wollte: wie arm die Menschen dort wirklich sind. Und wie arrogant wir sind, die wir unseren Alltag als gegeben hinnehmen. Teilen kommt uns selten wirklich in den Sinn. Es würde eine Einschränkung für uns bedeuten, zu der wir nicht bereit sind. Doch: Ist das gerecht? Wie rechtfertigen wir das? Warum wir? - Vor diesem Hintergrund empfinde ich es geradezu als beschämend, dass ich in Burkina Faso mit offenen Armen empfangen wurde.

Und so verbleibe ich mit diesen Fragen und trete doch nur auf der Stelle, denn auch mich hält der Alltag inzwischen wieder gefangen. In der Hoffnung, mich hin und wieder dessen besinnen zu können, was ich in Burkina Faso erlebt habe, danke ich allen von ganzem Herzen, die dieses Erlebnis für mich möglich gemacht haben. Insbesondere seien an dieser Stelle die Projektbetreuer, meine wunderbaren Kollegen und Arsène erwähnt. Bark wusgo - Dankeschön!