2012-01-22

Yell ka ye!


Yell ka ye!

So, nun beginne ich meinen neuen Eintrag schon wieder mit einem Spruch auf Moore. Dabei hatte ich mir doch bei meinem vorletzten Eintrag erst eingestehen müssen, dass ein Titel in Lokalsprache eigentlich schon ein Titel zu viel war (Anm. d. Red.: Standard, Klischee, und so…). Zudem musste es diesmal ausgerechnet das "Hakuna Matata"-Äquivalent sein (Anm. d. Red.: "Kein Problem"). Ganz genauso, wie man sich das vorstellt also, womit ich immerhin zu meiner anfangs begonnenen Linie zurückkehre. Nun gut, verschwenden wir keine weiteren Worte für unnötiges Abschweifen (für diejenigen, denen dieser Umstand noch nicht aufgefallen sein sollte: eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ;) ) und wenden uns der Erklärung zu, was hier so alles kein Problem ist.

Erstens: Die Zeit. Die ist hier absolut kein Problem. Es ist schließlich reichlich da. Heute ist ein Tag, morgen ist noch einer, übermorgen gar noch einer und ihr ahnt den Fortgang dieser Reihe. Womit also ganz allgemein gesprochen auf einen Tag immer ein weiterer folgt, was demzufolge als logischer Beweis gelten kann, dass die Zeit unendlich ist. Wozu sich also stressen? Was wir in unserem Leben nicht schaffen, macht dann eben ein anderer (oder auch nicht, aber das ist für die reine Einstellungsfrage erst einmal irrelevant, denn schließlich KÖNNTE es ja ein anderer machen). Nennenswert passiert ist in der Zwischenzeit demzufolge nicht besonders viel.

Zweitens: Die Arbeit. Sie ist ebenfalls überhaupt kein Problem. Sie folgt gewissermaßen der Logik in Punkt 1. Um ehrlich zu sein, befinde ich mich nämlich noch immer in meiner Einführungsphase und habe eigentlich noch gar nicht so richtig angefangen… Bisher verbringe ich meine Zeit damit, ab und zu einmal die sechste Klasse zu unterrichten (s. Foto). Dazu sollte ich jedoch erwähnen, dass ich die erste Freiwillige in diesem Projekt bin und beide Seiten erst einmal abklopfen müssen, was in einem solchen Rahmen überhaupt möglich ist. So langsam werde ich dann aber trotzdem unruhig. Mein Betreuer hat mir daher versprochen, sich in den nächsten zwei Wochen noch einmal mit mir zusammenzusetzen und meine Aufgaben zu besprechen.




Drittens: Der burkinische "Style". Vom Prinzip und der Kreativität der Menschen her grenzenlos und der puren Fantasie überlassen (und damit ziemlich viel cooler als der unsere), ist der Kleidungsstil der Jugendlichen in der Realität leider doch oft sehr limitiert, und zwar durch die überhaupt zum Erwerb zur Verfügung stehenden Kleidungsstücke, welche entweder der jüngeren europäischen Vergangenheit oder der asiatischen Massenindustrie (in diesem Fall mit Vorliebe mit entzückenden Glitzerapplikationen) entstammen. Glücklicherweise gesellen sich zu diesen beiden Quellen noch die afrikanischen Stoffe (welche wohl zu großen Teilen leider auch in Asien produziert werden), deren Muster und Verwendungen tatsächlich keine Grenzen kennen, abgesehen von der Prämisse, dass der Mann nach Möglichkeit ein langes Beinkleid zu tragen hat und auch das der Frau zumindest das Knie berühren sollte, wenn es denn schicklich sein soll. Witzigerweise ist auch die Schuluniform keine Uniform im eigentlichen Sinne, sondern besteht lediglich in einer Vorgabe des zu wählenden Stoffes, welcher dann ganz nach persönlichem Belieben von einem Schneider zu einer netten Klamotte verarbeitet werden kann. Kleidungs- und damit Stoff-technisch beginne ich bereits, Vorräte für die Rückreise anzulegen. Haartechnisch habe ich hingegen die ersten stundenlangen Flechtexperimente hinter mir (Ergebnis s. Foto) und damit auch genug für's Erste.




Viertens: Staub, Savannenstaub. Der Blog hätte wirklich kaum treffender betitelt sein können. Er ist überall: roter Staub und mit ihm ein permanenter Geruch von "Baustelle". Er ist im Busch, er ist in der Stadt, er ist in der Schule, er ist in meinem Haus, er ist auf meinem Weg, er ist in meinen Klamotten, er ist meinem Bett, er ist sogar in meinem Kopfkissen und er wohnt inzwischen in meiner Lunge. Aber wir kennen uns nun und leben ganz gut zusammen.


Staubiger Ausblick, hier mit meiner "Gastschwester" Deo Gracias

Fünftens: Sitzfleisch. Ihr bemerkt es mal wieder an der Länge des Eintrags. Wenn man schon einmal zusammen kommt, dann kann das dauern.

Sechstens:  Das Buschtaxi nach Saponé. Geht eigentlich ganz schnell, dauert nur 'nen halben Tag oder so…

Siebtens: Postkarten. Ich hatte ja nun die ein oder andere Karte versprochen. Ich fürchte, von dieser vorlauten Ankündigung leider zurücktreten zu müssen. Die Post IST hier nämlich ein Problem. Seht diesen Blog bitte als virtuellen Ersatz an, falls der ein oder andere Versuch missglücken sollte. (Auch der Ersatz kommt im Übrigen nur über Umwege zu euch, denn da ich hier leider nicht viel im Internet hochladen kann, muss dies meine vielbeschäftigte Schwester, die erschwerenderweise in ihrer Freizeit noch meinen (nicht ganz so vielbeschäftigten) Bruder durch Australien kutschiert, für mich erledigen. Eine E-Mail an sie bekomme ich nämlich mit etwas Glück ab und zu versandt…)

Achtens: Schluss machen bzw. nach Hause gehen IST ebenfalls ein Problem. "Schon? Ach bleib doch noch ein bisschen…" - "Ich will, dass ihr euch gut erholen könnt." - "Ach quatsch, du störst doch nicht." - "Ihr müsst doch morgen früh raus." - "Äh! (kurzer, giekiger Laut)" - (gedacht: "ICH muss aber morgen früh raus und ICH bin so müde, dass ich gleich vom Stuhl falle.") gesprochen: "Nagut." Daher mache ich jetzt ganz unafrikanisch an dieser Stelle Schluss. ICH finde nämlich, dass es schon wieder ganz schon viel zu lesen geworden ist. Bis zum nächsten Mal! Gleiche Welle, gleiche Stelle.

2012-01-05

Resümee



Das neue Jahr ist nur wenige Tage alt. Die Stimmung ist nachdenklich.

2011 kommt bei all diesen Gedanken nicht besonders gut weg. Um nicht zu sagen: es landet ganz unten im Klassement meiner Lebensjahre. Es hat mir viele Arten von Stress aufgezeigt, von denen ich die meisten als ziemlich nervige und anhängliche Zeitgenossen identifizieren musste. Manchen habe ich gar den Stempel "verletzend und gesundheitsschädlich" verpassen dürfen*. Und es sind genau diese, die mir in diesem Moment wieder einmal bewusst machen, wie schwierig und langwierig es ist, ihnen zu entkommen. Ich warte nämlich (wieder einmal) auf die Ergebnisse des medizinischen Labors, da ich mir einbilde, irgendetwas in meinem Körper sei nicht in Ordnung. Dabei geht es mir offensichtlich ziemlich gut, was mir der Arzt bereits mehrmals versichert hat.

Wie dem auch sei, ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Dabei hatte ich gerade angefangen, mich hier rundum wohl zu fühlen. Den letzten Monat verbrachte ich dermaßen gesund, dass ich sogar einen guten Vorsatz für 2012 vorzog und eine kleine Gymnastikrunde pro Tag einlegte. (Und das immerhin um fünf Uhr in der Früh! Ja, ich war schon ein wenig stolz auf mich…) Auch mein Leben in Saponé wurde inzwischen zu einer Art befriedigender Normalität. Ich bekam so langsam den Kontakt zu mehr und mehr Leuten und fühlte mich auch nicht mehr so "fehl am Platze" wie am Anfang. Zugegebenermaßen ist es wahrscheinlich unmöglich, als Deutsche hier genau das gleiche Leben zu führen wie eine Burkinabè, aber dennoch begann ich, mich ein ganzes Stück gewöhnlicher zu fühlen als noch bei meiner Ankunft.

Überhaupt hat sich meine Wahrnehmung stark verändert. Alle Sachen, die mir am Anfang noch unmöglich vorkamen (und zwar in zweierlei Bedeutung des Wortes "unmöglich", also sowohl die "unerhörten" als auch die wirklich nicht möglich scheinenden Dinge), sind inzwischen zu einer Normalität der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Fand ich am Anfang noch, dass man hier nichts bekäme, so sehe ich inzwischen in jedem Stand und jeder Hütte ein kleines Restaurant oder einen kleinen Laden, der aus den Untiefen seiner Hinterhöfe oder Wandregale so manches unmöglich geglaubte hervorzaubern kann. Auch diejenigen Sachen, die mir am Anfang ganz furchtbar und dringend änderungsbedürftig vorkamen (in der wohl klassischen Sicht einer Europäerin auf ein Land des globalen Südens), sehe ich inzwischen nicht mehr als Probleme. Warum auch? Nur weil es nicht so ist, wie bei uns?

Hungern ist nicht gleich verhungern. Einfach bedeutet nicht unzureichend. Langsam heißt nicht rückschrittlich. Und Afrika heute ist schon gar nicht Europa vor x Jahren. Ich könnte diese Reihe weiter fortsetzen, könnte auch gegenteilige Aspekte nennen (Fehlende Bildung halte ich bspw. wirklich für ein großes Problem.), könnte Dinge nennen, die hier besser laufen (In einem Land, in dem viele Dinge schwer zu bekommen sind, findet nahezu alles auf grandios kreativem Wege ein zweites Leben!), doch die Liste wäre ziemlich lang. Das erspare ich euch an dieser Stelle und ich begnüge mich damit, festzustellen, dass, wenn Afrika tatsächlich ein Problem hat, es (zumindest in Burkina Faso, für den Rest kann ich nicht sprechen) nicht das Problem ist, welches ich von "Armut" bisher im Kopf hatte.
Möglicherweise ist es schlicht und einfach die einnehmende Überheblichkeit europäischen Gedankenguts?

So wird meine Weltsicht hier tageweise auf den Kopf gestellt, ich bin zwischen den Welten. Tageweise bin ich ein bisschen Burkinabè, sitze mit einem Tuch um den Hüften stundenlang bei meiner "Mama", die mir kunstvoll die Haare flechtet oder rupfe Hühner, die bis vor kurzem noch gackernd auf unserer Terrasse saßen. Tageweise benehme ich mich ganz wie zu Hause. Das ist hier toleriert und wird irgendwie auch von vielen Burkinabè angestrebt. Diese Tage tun mir ab und zu richtig gut, aber tun sie auch Burkina Faso gut? - Mit dieser Frage und all den kleinen und großen Zweifeln, die sich so zahlreich darin verstecken, stelle ich fest, dass 2011 mich unglaublich viel weiter gebracht hat. Es war kein leichtes Jahr, doch ich habe sehr, sehr viel gelernt. Und so blicke ich mit großer Geduld und Zuversicht dem entgegen, was 2012 für mich bereit hält.

Euch allen sende ich an dieser Stelle meine herzlichsten nachträglichen Weihnachtsgrüße sowie alles Gute für das Jahr 2012! Vielleicht kann euch ja in diesem Jahr der eine oder andere meiner Gedanken irgendwie erreichen… Lasst mich doch gerne auch an euren Gedanken teilhaben! Die Internetverbindung lässt nicht sonderlich oft eine Antwort zu, aber ich freue mich wirklich sehr darüber. A propos, an dieser Stelle einen riesigen Dank für die Grüße, die ich erhalten habe!

* Es gab daher nur einen Ausweg: die Flucht. Und zwar weg, weit weg. Ein Dorf bei Ouagadougou in Burkina Faso: das klang nach dem Ende der Welt. Dort würden sie mich sicher nicht finden.

P.S. Ich habe inzwischen die Resultate vom Labor erhalten. Ich bin schlicht und einfach kerngesund. Um mich nicht ganz als  Hypochonder dastehen zu lassen, versuchte sich der Arzt sympathischerweise noch mitleidig an der Diagnose: "Vielleicht vertragen Sie das Klima nicht so gut…".